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Ratgeber · 8 Min Lesezeit

Geschichte der deutschen Rechtschreibung: von Luther bis 2006

Wie aus regionalen Schreibvarianten eine einheitliche Norm wurde und warum es immer noch zwei Reformen gibt, an denen sich Geister scheiden.

Jan-Tristan Rudat

Jan-Tristan Rudat · Autor

Aktualisiert:

Die deutsche Rechtschreibung wirkt heute als zementierte Norm — tatsächlich ist sie überraschend jung und mehrfach kontrovers diskutiert worden. Vier Stationen erklären, warum die Sprache so aussieht, wie sie aussieht.

Luther und die Übersetzung

Im Mittelalter gab es kein einheitliches Deutsch. Die zahlreichen Dialekte wurden auch verschieden geschrieben — niederdeutsch, mitteldeutsch, oberdeutsch waren regionale Schreibtraditionen.

Martin Luthers Bibelübersetzung 1534 brachte erstmals eine überregional verbreitete Schreibform ins Volk. Luther schrieb in einer Mischform aus ostmitteldeutschem Dialekt und sächsischer Kanzleisprache. Weil seine Bibel in Millionenauflage in alle deutschsprachigen Gebiete kam, prägte er die spätere Standardisierung mit. Das heutige Hochdeutsch geht in vielen Punkten auf Luthers Sprachgefühl zurück.

Konrad Duden und die erste Norm 1880

Bis ins 19. Jahrhundert schrieben Schreiber, Setzer und Verleger nach eigenem Gutdünken. Verlage hatten Hausschreibungen, Schulen wählten regional unterschiedlich.

Konrad Duden veröffentlichte 1880 sein „Vollständiges orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache”, das de facto schnell zur Norm wurde. 1901 trat dann eine erste amtlich vereinheitlichte Rechtschreibung in Kraft, beschlossen auf der „II. Orthographischen Konferenz” in Berlin.

Diese Norm hielt fast 100 Jahre. Sie regelte ß/ss, Großschreibung, Zeichensetzung, Fremdwortschreibung und schuf den Duden als verbindliches Referenzwerk.

Die Reform 1996

Die Sprache hatte sich verändert, einige Regeln galten als unlogisch (warum „daß”, aber „muß”?), Schüler hatten Schwierigkeiten mit den vielen Ausnahmen.

Nach jahrelanger Vorbereitung wurde 1996 die Rechtschreibreform beschlossen. Wichtigste Punkte:

  • ß/ss neu geregelt nach Heyse: ss nach kurzem Vokal, ß nach langem
  • Schreibungen vereinheitlicht: rauh → rau, Photo → Foto
  • Zusammen-/Getrenntschreibung großzügiger getrennt: kennenlernen → kennen lernen
  • Komma-Regeln entschärft, in vielen Fällen wurde Komma optional
  • Trennregeln vereinfacht (ck nicht mehr in k-k getrennt)

Die Reform war hochumstritten. Viele Schriftsteller, Zeitungen und Lehrer protestierten. Frankfurter Allgemeine Zeitung und andere Verlage kehrten zeitweise zur alten Schreibung zurück.

Die Nachreform 2006

Wegen des Widerstands wurde 2004 ein Rat für deutsche Rechtschreibung eingesetzt, der 2006 eine Nachreform beschloss. Sie machte einige der 1996er-Änderungen wieder rückgängig oder erlaubte mehrere Varianten:

  • kennenlernen wieder erlaubt (zusammen oder getrennt)
  • leid tun und leidtun beide gültig
  • selbständig / selbstständig beide gültig
  • trennen vor t: Mu-sik wieder, statt Mus-ik

Seit 2006 ist die Rechtschreibung weitgehend ruhig. Es gibt kleinere Aktualisierungen (etwa beim großen ẞ als Großbuchstabe, der seit 2017 offiziell ist), aber keine großen Umwälzungen.

Was bedeutet das heute?

Drei Konsequenzen sind im Alltag spürbar:

1. Variantenvielfalt. Bei vielen Wörtern gibt es heute legitim mehrere Schreibungen. „Delphin” und „Delfin”, „selbständig” und „selbstständig”, „kennenlernen” und „kennen lernen”. Welche man wählt, ist Geschmackssache (oder Hausstilsache).

2. Generationenkonflikt. Wer vor 1996 die alte Schreibung gelernt hat, schreibt manchmal noch „daß”, „rauh” oder „muß”. In Texten älterer Autoren ist das normal, in neueren Texten wirkt es altertümlich.

3. Der Duden ist weiterhin Referenz, hat aber keinen amtlichen Status mehr. Verbindlich ist seit 1996 das „Amtliche Regelwerk” der Kultusministerkonferenz. Der Duden gibt nur eine Empfehlung. Bei strittigen Fällen kann man also in beiden nachsehen.

Was die Zukunft bringt

Diskutiert werden vor allem zwei Themen:

  • Gendergerechte Sprache: Gender-Stern (Lehrer*innen), Doppelpunkt (Lehrer:innen), Binnen-I (LehrerInnen) — keine ist im Amtlichen Regelwerk verankert. Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat 2023 ausdrücklich entschieden, dass diese Formen nicht Teil der Standardrechtschreibung sind.
  • Anglizismen-Eindeutschung: „E-Mail” ist Standard, aber wann wird aus „Computer” eine deutsche Variante? Bislang keine Bewegung.

Eine dritte große Reform ist nicht in Sicht. Wer heute schreiben lernt, lernt eine Norm, die seit 2006 stabil ist und voraussichtlich bleibt.

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